Im Morgendunst tauchen aus den Schwaden Fähren, Frachter und kleine Fischerboote auf. Hier ist was los. Hinter dem Cap Gris geht die Sonne auf. Am Horizont die “RazFaz”, ein Kollege den ich in Boulogne getroffen hatte.

Kaum um’s Cap Gris-Nez färbt sich das Wasser sandig braun. Wir sind in der Nordsee! Calais lasse ich um 09:30 rechts liegen. Kein Windhauch und spiegelglatte See. Eigentlich habe ich ein Segelboot gekauft, aber fahre nun doch schon wieder 3 Stunden mit Motor.

Da! Kräusel auf dem Wasser. Am Nachmittag kommt wieder etwas Wind auf. Super. Motor aus. Langsam geht’s an Dunkerque vorbei. In den Nebelschwaden sehen die riesigen Kräne wie Aliens aus, die am Ufer auf Beute lauern.

Später frischt der Wind auf 15-20 Konten auf und um 20:30 bin ich in Oostende. Pause.

25.04.

Es pisst wie Hölle. Kaum ein Lüftchen im Hafen. Eigentlich waren 10-15 Konten aus Ost vorhergesagt. Ich fahr mal los (06:45). Kaum aus dem Hafen raus, kachelt es wie blöd und der Regen kommt waagerecht – aus Nord. Mist, da muss ich hin. Also wieder kreuzen. Die Strömung wird aber erst um 09:00 in meine Richtung kippen. Ich kämpfe mich
über 2 Stunden “den Berg hoch”, um kaum Höhe zu gewinnen. Der Wind pfeift mit 25-30 Knoten. Zack. Wieder eine Gischtwolke die mich mit Seewasser überschüttet. Die Segel sind im zweiten Reff und doch knallen wir mit 7-8 Konten durch die aufgewühlte Nordsee. Dazu sieht man bei dem Regen kaum was und Verkehr ohne Ende. Anstrengend ist das.

Frühstück hatte ich noch keins. Also runter und ein Müsli machen. Gerade als ich die Milch in den Müslibecher geschüttet hatte, wird die Fleur von einer großen Welle hochgerissen, fällt in das nächste Wellental und wird von der nächsten Welle voll ausgebremst. Ich und das Müsli sausen durch die Kajüte. Sapperlot. Alles voller Milch und Müsli. Kack. Und das AIS gibt schon wieder Kollisionsalarm. Ich lass erst mal die Sauerei und schau raus. Boa, große Dampfer sind da. Der Verkehrsweg nach Zeebrugge. Da muß ich durch. Geduldig (Geduld bedeutet beim segeln eine lange Zeit) warte ich auf eine Lücke. Noch 25 Minuten, dann scheint es zu gehen. Abfallen. Die Fleur gibt Gas. 8-9 Knoten hart am Wind. Krach. Große Welle. Nochmal Krach. Unten in der Kajüte höre ich es wieder scheppern. Ein Schrank ist aufgegangen und meine guten Klamotten freunden sich mit dem Müsli an. Zack. Krach. Jetzt hat sich auch noch der Müllbeutel losgerissen. What a mess! 30 Minuten später bin ich über den Verkehrsweg und zwischen den Frachtern durch. Jetzt noch über eine kleine Sandbank navigieren. Geschafft.

Und schon ist der Wind wieder weg. Die Zeit nutze ich um die Sauerei in der Kajüte weg zu machen. Wir dümpeln mit 2-3 Knoten dahin. Die Nordsee ist immer noch aufgewühlt. Wir schaukeln und schlingern vor uns hin. Erst mal einen Kaffee. Das klappte jetzt ohne verschütten ;-).

Es wird dunkel – um 18:30?! Schaumkronen am Horizont. Blitz. Donner. Shit. Ich fahre genau in ein Gewitter, bzw. das zieht auf mich zu. Schnell die Segel runter. Motor an. Zack, da geht’s schon los. Windböen 30+ Knoten, fetter Regen waagerecht. Ich bin noch nicht so weit. Es scheppert überall. Runter. Schwerwetterklamotten an, Gummistiefel, Rettungsweste. Grabbag bereit legen. Stirnlampe. Positionscheck. Wieder raus. Fett. Böen mit 40+. Die See tobt. Rechts von mir ist heller Himmel. 90° abbiegen. Jetzt stampft die Fleur mit voller Leistung genau gegen die steilen Windwellen. Blitze um mich herum. Habe ich einen Schiss. Der Mast gefällt diesen Blitzen doch bestimmt? Am Horizont noch zwei andere Segelboote die auch meine Richtung eingeschlagen haben. 45 Minuten später bin ich aus dem Wetter raus. Die See beruhigt sich. 5 km weiter hinter mir immer noch Blitz und Donner. Ich fahre langsam weiter. Die Knie sind weich. Segel setzen traue ich mich im Moment nicht. War’s das? Kommt noch was? Einer der anderen Segler fährt in meine Richtung. Kurze Unterhaltung. Holländer. Er ist alleine unterwegs und ihn hat das Wetter auch überrascht. „Wohin geht’s?“ rufe ich rüber. „Abwarten wo das Wetter hinzieht“. Ihm hat das Spektakel die Fock gekostet. Wurde ihm beim Bergen aus der Hand gerissen. Da hatte ich noch Glück. Nichts kaputt oder verloren. Der nächste Hafen ist Haringvliet, ca. 15 Meilen in Richtung Gewitter. Mit Motor tuckere ich dem Unwetter hinterher. Nicht zu schnell. Einholen will ich es auch nicht. 19:30 ist jetzt. Selbst wenn es gut läuft, dauert das gute 3 Stunde. Der Holländer ist mutiger und gibt Gas. Er will im Hellen ankommen. Ich traue mich noch nicht so richtig.

22:00. Der Himmel ist sternenklar. Die Lichter von Rotterdam zum greifen nahe. Hier muß ich nun in Richtung Haringvliet in den Zufahrtskanal abbiegen und mich 3-4 Meilen an Tonnen entlang hangeln. Das zieht sich bestimmt ne Stunde. Nach dem ersten Viertel kommt mir ein Segelboot (unter Segeln) entgegen. Hat sich das Unwetter verzogen? Vieleicht kennen die sich aus? Eigentlich wollte ich ja heute noch mindestens an Hook van Holland vorbei. Den Kanal entlang dauert noch mindestens eine Stunde, da kann ich ja auch gemütlich weiter in Richtung Norden düsen und mir den Stress mit Schleuse bei Haringvliet und so schenken. Also, Ruder rum, und in Richtung Hook.

Kaum bin ich 45 Minuten gefahren, da wird es wieder dunkel. Von Rotterdam’s Lichtern ist nichts mehr zu sehen. Der Wind pfeift wieder mit 20 Knoten. Kack. Kack. Kack. Ich habe keinen Nerv mehr. Rum und nach Haringvliet. Gut ist für heute. Um 23:55 bin ich an der Schleuse. Es gibt eine Wartepier. Alles voll. Hölle. Ich bin total platt, und das ist der erste Hafen an dem es keinen Platz gibt. Fuck. Ich drehe drei Kurven und lege mich an einen Fischkutter. Morgen ist Samstag und Feiertag, da werden die hoffentlich nicht um 01:00 zum Fischen raus fahren wollen. Egal. Und wenn, dann werden die mich schon wecken. Bierchen, und ab in’s Koma.

26.04.

Strahlender Sonnenschein. Die wollen mich verarschen, die Holländer. Gestern so ein blöder Tag und heute leichter Wind aus Südost und Sonnenschein. Die Zweite, auf in Richtung Hook. Puls 200. Was ich gelesen habe macht mich nervös. Der Europort ist ein sehr großer Hafen. Viele Frachter (die Großen) fahren da rein und raus. Mit der, im Vergleich zu mir, 3-4 fachen Geschwindigkeit. Für kleine Boote gibt es extra einen Korridor zum queren des Verkehrswegs vor Rotterdam. An der Tonne “Cardinal 15 S West” melde ich mich über Funk bei „Maas Entrance„ an. Wer ich bin, wohin des Weges, etc. Dann geht’s los. Den Autopiloten wie angewiesen auf 46° eingestellt (rechtwinklig zum Verkehrsweg) und Vollgas mit allen Segeln drauf los. Von links ein Frachter mit 17 Knoten, von rechts ein Schlepper mit 7 Knoten, dahinter noch was. Da passe ich durch. Hoffentlich bleibt der Wind so wie er ist. Wir surfen schon fast auf den Dünungswellen. 8,8 Knoten zeigt das Log der Fleur. 30 Minuten später sind wir auf der anderen Seite. Noch zwei Meilen, dann haben wir wieder freie Fahrt.

Um 18:30 laufe ich in den Hafen von Ijumiden ein. Der erste große Abschnitt der Reise ist geschafft. Amsterdam erreicht. Erst mal entspannen. Hier bekomme ich die neuen Segel. Boot aufräumen. Klar Schiff machen. 2-3 Tage werde ich hier bleiben.


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